Wenn Beziehung bedeutet, bei uns selbst zu bleiben

Was Beziehungen mit unserem Körper und unserem Nervensystem zu tun haben…

Mal ehrlich …

Wie oft sagen wir Ja, obwohl in uns längst ein Nein spürbar ist?

Wie oft halten wir den Atem an, werden eng, angespannt oder spüren uns plötzlich immer weniger – und machen trotzdem weiter?

Vielleicht, weil wir gelernt haben, dass Anpassung Sicherheit bedeutet.

Nicht unbedingt bewusst.

Nicht als Entscheidung, die wir irgendwann einmal getroffen haben.

Sondern als etwas, das wir schon sehr früh erfahren haben.

Wenn wir uns selbst verlassen

Sich selbst zu verlassen beginnt nicht erst dann, wenn wir irgendwann gar nicht mehr wissen, wer wir sind.

Es beginnt oft viel früher.

Vielleicht dort, wo ich meinen Atem anhalte.

Wo ich mich innerlich zusammenziehe.

Wo ich spüre, dass etwas für mich nicht stimmig ist – und trotzdem darüber hinweggehe.

Wo ich meine Bedürfnisse nicht mehr wahrnehme.

Wo ich die Stimmung des anderen wichtiger nehme als meine eigene.

Wo ich mich immer mehr auf das Gegenüber ausrichte und immer weniger auf mich.

Und wenn wir das immer wieder tun, kann etwas geschehen, das ich aus meiner eigenen Erfahrung sehr gut kenne:

Wir zerstreuen uns.

Wir verlieren den Kontakt zu uns selbst.

Wir werden tauber für das, was wir eigentlich fühlen.

Und irgendwann kann daraus Erschöpfung entstehen. Vielleicht auch ein Gefühl von Leere, Überforderung oder innerem Rückzug.

Ich möchte damit nicht sagen, dass jede Erschöpfung, Depression oder körperliche Erkrankung aus Beziehungsmustern entsteht. Unser Körper und unser Leben sind viel komplexer.

Aber ich glaube, dass es sich lohnt, hinzuschauen:

Wo gehe ich mich selbst immer wieder über?

Denn unser Körper merkt es.

Der Körper muss mitgenommen werden

Wir können sehr viel verstehen.

Wir können Bücher lesen.

Wir können Zusammenhänge erkennen.

Wir können sagen: „Das mache ich ab jetzt anders.“

Und trotzdem reagieren wir in der nächsten Situation wieder genauso wie vorher.

Warum?

Weil Verstehen allein nicht immer ausreicht.

Unser Körper muss mitgenommen werden.

Wenn Anpassung für mich über viele Jahre mit Sicherheit verbunden war, dann kann mein System dieses alte Muster weiterführen, auch wenn mein Verstand längst weiß:

Ich muss mich nicht mehr anpassen.

Das alte Programm läuft vielleicht einfach noch.

Und genau hier beginnt für mich die Verbindung zwischen Beziehung, Körper und Nervensystem.

Nicht nur im Kopf.

Sondern in der Erfahrung.

Unsere Beziehungen sind ein großes Lehrfeld

Gerade enge Beziehungen können uns Dinge über uns zeigen, die wir alleine vielleicht gar nicht erkennen würden.

Unsere Partner können Spiegel sein.

Unsere Kinder können Spiegel sein.

Auch die Beziehung zu unseren Eltern kann uns mit uns selbst konfrontieren.

Und manchmal zeigt sich das nicht besonders angenehm.

Vielleicht triggert mich etwas, das mein Gegenüber tut.

Dann kann ich zunächst einmal innehalten und sagen:

Ah. Da ist etwas in mir.

Vielleicht gibt es etwas, das gesehen, gefühlt und verstanden werden möchte.

Für mich bedeutet ein Trigger deshalb nicht automatisch:

„Der andere ist schuld.“

Aber genauso wenig bedeutet er:

„Dann muss ich eben noch mehr an mir arbeiten, bis mich das nicht mehr stört.“

Denn auch das kann wieder eine Form sein, mich selbst zu verlassen.

Muss ich das wirklich noch wählen?

Für mich liegt hier ein ganz entscheidender Unterschied.

Wenn mich etwas triggert, kann ich zunächst hinschauen.

  • Was gehört zu mir?
  • Was habe ich gelernt?
  • Welche Angst steckt vielleicht dahinter?
  • Welcher innere Anteil möchte gesehen werden?
  • Was möchte mein Körper mir zeigen?

Was, wenn wir jetzt eine andere Frage stellen?

Und wenn ich das gefühlt und angeschaut habe, kann ich eine neue Frage stellen:

Wähle ich das jetzt trotzdem?

Vielleicht stelle ich fest:

Ja. Jetzt, wo ich frei davon bin, wähle ich es aus vollem Bewusstsein.

Oder ich spüre:

Nein. Das möchte ich für mich nicht.

Nicht aus Angst.

Nicht aus Vermeidung.

Nicht, weil ich den anderen verändern möchte.

Sondern weil ich mich selbst kenne und weiß:

Das ist für mich keine Beziehung, in der ich mich wohlfühle.

Das ist für mich ein wichtiger Unterschied.

Eine Grenze muss nicht immer bedeuten, dass etwas „falsch“ ist.

Manchmal bedeutet eine Grenze einfach:

Bis hierhin. Und nicht weiter.

Mein inneres Kind darf mitentscheiden

Ich frage mich dabei gerne:

Wie geht es meinem inneren Kind damit?

Wenn der kleine Junge oder das kleine Mädchen, das einmal neben mir stand, heute neben mir stehen würde – würde ich wollen, dass es genau das erlebt?

  • Würde ich wollen, dass es sich kleinmacht?
  • Dass es seine Bedürfnisse zurückhält?
  • Dass es Ja sagt, obwohl in ihm alles Nein ruft?
  • Dass es sich selbst nicht mehr spürt, nur damit die Beziehung bestehen bleibt?

Oder würde ich mich zu ihm hinunterbeugen und sagen:

  • „Ich sehe dich.“
  • „Ich höre dich.“
  • „Du darfst fühlen, was du fühlst.“
  • „Und ich passe jetzt auf dich auf.“

Für mich bedeutet Selbsttreue auch das.

Nicht gegen andere.

Sondern für mich.

Die Beziehung zu uns selbst

Vielleicht beginnt genau hier eine andere Form von Beziehung.

Nicht damit, dass wir den anderen verändern.

Nicht damit, dass wir uns selbst so lange „optimieren“, bis uns nichts mehr triggert.

Sondern damit, dass wir beginnen, uns selbst wieder wahrzunehmen.

  • Unseren Körper.
  • Unseren Atem.
  • Unsere Spannung.
  • Unsere Grenzen.
  • Unsere Bedürfnisse.
  • Unsere inneren Kinder.
  • Und irgendwann vielleicht auch wieder unsere eigene Stimme.

Ich habe für mich ein Bild, das mich dabei seit meinem Nahtoderlebnis begleitet:

Die Büchse der Pandora wurde geöffnet.

Alles flog aus dem Gefäß, das ich bin.

Und ich durfte über Jahre hinweg schauen:

  • Gehört das zu mir?
  • Wenn ja, darf es wieder zu mir.
  • Wenn nein, darf es draußen bleiben.

Für mich war und ist das ein tiefes Erinnern daran, wer ich wirklich bin.

Wir dürfen uns erinnern

Denn ich glaube nicht, dass wir kaputt oder falsch sind und erst noch „ganz“ werden müssen.

Wir sind bereits ganz.

Vielleicht haben wir nur vergessen, wie es sich anfühlt, wir selbst zu sein.

Wieder mit dem Körper sprechen

Vielleicht kannst du heute einmal ganz einfach beginnen.

Wenn dein Körper eng wird, frag ihn:

Was möchtest du mir zeigen?

Wenn du Schmerzen hast:

Was gibt es hier für mich zu verstehen, was ich vielleicht bisher noch nicht erkannt habe?

Wenn du bemerkst, dass du Ja sagst, obwohl in dir ein Nein lebt:

Warum sage ich gerade Ja?

Und vielleicht kommt irgendwann noch eine weitere Frage:

Möchte ich das wirklich wählen?

Denn unser Körper ist für mich nicht etwas, das wir überwinden müssen.

Er ist Teil unseres Weges.

Er spricht.

Manchmal leise.

Manchmal deutlich.

Und manchmal wird er immer lauter, wenn wir ihn zu lange übergehen.

Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, noch mehr an uns zu arbeiten.

Vielleicht geht es vielmehr darum, wieder mit uns selbst in Beziehung zu treten.

  • Zu lauschen.
  • Zu fühlen.
  • Zu atmen.
  • Zu wählen.

Und von dort aus dem anderen wirklich zu begegnen.

Denn wirkliche Beziehung beginnt für mich dort, wo zwei Menschen sich begegnen können, ohne sich selbst dafür verlassen zu müssen.

Herzensgrüße

Vera